Startseite Königsteins Text Bazar

Leseproben - Jagd

Der Wildwechsel

Download:
mit rechter Maustaste anklicken und abspeichern
mit "Ziel/Link speichern unter ..."
Lesen:
mit linker Maustaste anklicken.
Die Pdf-Datei öffnet sich im neuen Browserfenster.
Leseprobe als pdf:  wildwechsel.pdf (16 kB)
    

Schläfrig und feucht lag die Dämmerung über dem Alpirsreuther Forst. Die Aussicht, bei dieser Witterung „aus der Hose zu müssen“, trübte Dieter Holprechts Laune. Aber was half’s: der Zwiebelrostbraten vom Vorabend forderte seinen Tribut.

Gottergeben kletterte Dieter die Steigen seines Hochsitzes herab. Bis zu einem gewissen Grade hatte er sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, dass sich sein Darm stets zur Unzeit meldete: auf der entferntesten Ecke des Golfplatzes, im Stau auf der Autobahn oder wie jetzt in der mondlosen Nacht im Revier, die ohnehin keine Strecke zu versprechen schien. Nur ein einsamer Fuchs war außerhalb seiner Reichweite vorbeigeschnürt, ja Dieter konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, er habe höhnisch herübergegrüsst.

Sorgfältig legte Dieter die Rolle seines vierlagigen Hygienepapiers griffbereit vor sich hin, die er – gewitzt durch hinlängliche Erfahrung – stets im Rucksack mit sich führte. Seine Jacke aus wetterfester, beschichteter Baumwolle legte er über einen Ast, löste die Hosenträger, ließ Hose und Unterhose herunter bis auf die Hacken. Die Füße breit auseinanderstellend - soweit seine Beinkleider ihm hierzu Spielraum gewährten – begab er sich in eine Hockstellung, die – dem Anlass entsprechend – hohe Zweckmäßigkeit mit maximalem Komfort und geringster Unfallwahrscheinlichkeit zu verbinden schien. Solcherart die Balance haltend, raffte er seinen Hosenbund nach vorn, um den Hosenboden aus der Gefährdungszone zu bringen, ohne allerdings den daran befindlichen Hosenträgern die erforderliche Aufmerksamkeit zu widmen – das sollte sich rächen.

Die jetzt folgende, bebende Kraftanstrengung teilte sich seinem ganzen Körper mit. Unverzüglich machte sich ein Schauer des Wohlbefindens breit, als es ihm entfuhr, und die Spannung von Gesicht, Zwerchfell und Bauchdecke löste sich in ein gedehntes „Ooooaaaah“.

Eine Rotte Wildschweine hatte, interessiert aber argwöhnisch, aus sicherer Deckung die Vorgänge am Fuße des Hochsitzes beobachtet. Die Entwicklung der Geräuschkulisse schien den günstigsten Zeitpunkt für einen überraschenden Standortwechsel zu signalisieren. Hämisch grinsend brachen sie nun aus dem Gebüsch und strebten dem Waldstück auf der anderen Seite eines feucht glänzenden Feldes zu.

Dieter kam ein altes Sprichwort in den Sinn. An diesem Morgen schien Diana ihm nicht hold sein zu wollen. Er raffte seine Hosen hoch und bemerke das Missgeschick an den Trägern – seine Laune war vollends verdorben. Er schulterte Büchse und Rucksack. Missmutig lenkte er seine Schritte zu dem in der Nähe geparkten Fahrzeug.

Aus: Dr Obschadhändler

© Jens Kort 2002