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Leseproben - Geschichte / Politik

Die wahre Geschichte des 17. Juni 1953

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Auszug Leseprobe:

I.

Die Linke tief in der Hosentasche vergraben, dirigierte Dieter mit der geballten Rechten den Rhythmus der Sprechchöre. Er hatte sein entschlossenstes Gesicht hervorgeholt, und seine ganze Miene verriet den Strategen des Volksaufstandes.

Tausende drängelten sich auf der Kreuzung Leipziger- und Wilhelmstraße. Sein Instinkt warnte Dieter vor der Gefahr, die von dem düsteren Gebäudekomplex am Potsdamer Platz ausging. Alle Angriffe auf Berlin hatte er im Krieg überdauert, und seine Beharrlichkeit inmitten der Ruinenlandschaft konnte Beklemmungen verursachen.

Aber Mutlosigkeit und Zweifel durften den Siegeswillen der Arbeiter nicht lähmen. „Nieder mit den Normen“, brüllte Dieter aus Leibeskräften, „HO schlägt uns KO!“ Und Dieter war es, als gewänne er in den grauen Mauern einen Verbündeten. In immer neuen Echos halten die Sprechchöre tausendfach von ihnen zurück, steigerten die Erregung, die bald nach einem Ventil suchte.

„Weg mit dem Spitzbart – Wir wollen Freiheit!“, erschallte da Dieters erlösender Ruf, der schnell von der Menge aufgenommen wurde, und schon war sie da, die Eskalation von den Normen zur Politik, wurden nicht mehr nur einzelne Maßnahmen des verhassten Regimes in Frage gestellt, sondern die ganze Regierung von Moskaus Gnaden.

Im zweiten Stock des „Hauses der Ministerien“ wurde ein Fenster aufgestoßen, jemand sprach vom Fenster aus, aber kein Wort war zu verstehen. „Runterkommen“, schrie Dieter, „komm’ runter, wenn Du was willst!“

Vor dem Eingang des Gebäudes geriet die Masse in Bewegung, ein Tisch wurde herausgetragen. Selbmann, der Minister für Hüttenwesen und Erzbergbau, kam heraus und stieg auf sein Podium. „Arbeiter, Genossen“, begann Selbmann, „wir wissen, dass Fehler gemacht wurden. Was die Normen betrifft, so bin ich ermächtigt, zu erklären, dass die Normenerhöhung überprüft und rückgängig gemacht wird. Also, zurück an die Arbeit.“

Aber schon war Dieter bei ihm, hautnah auf dem Tisch, der kaum zwei Menschen Platz bot. „Es geht nicht um die Normen, es geht um die Freiheit“, fuhr Dieter den verdutzten Funktionär an, und er wusste die Massen hinter sich.

Selbmanns Versuche, sich Gehör zu verschaffen, gingen unter in den Rufen nach freien Wahlen und einem einigen Deutschland. „Seht, meine Hände“, hob Selbmann noch einmal, fast schon kraftlos, an, „ich selbst bin ein Arbeiter…“. „Das scheinst Du aber vergessen zu haben“, höhnte Dieter zurück. „Ulbricht und Grotewohl sollen rauskommen, die Feiglinge!“

Selbmann: „ Die Genossen Ulbricht und Grotewohl sind nicht im Haus. Ich bin ermächtigt, mit Euch zu verhandeln. Stellt doch eine Delegation zu-sammen, die drinnen mit uns verhandelt…“

„Freiheit, Freiheit“, ertönten die von Dieter dirigierten Sprechchöre, „wir wollen Freiheit!“

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