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Leseproben - Geschichte / Politik

Mit der Tarifpolitik auf Du und Du

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Festvortrag von Dr. Peter Egglesius, Hauptgeschäftsführer der Vereinigten Bayerischen Unternehmerverbände (VBU).

Meine Damen und Herren,

ich bin gebeten worden, Ihnen heute einen kleinen Einblick zu verschaffen in das schwierige Geschäft der Tarifpolitik, aus meiner langjährigen Erfahrung als Hauptgeschäftsführer unseres Verbandes sozusagen.

Wir werden ja manchmal nicht ernst genommen. Da sagen die Leute immer: Am Ende einigen die sich ja doch mit den Gewerkschaften. Wozu also der ganze Theaterdonner?

Wer so redet, meine Damen und Herren, versteht nichts, schon gar nicht von Tarifpolitik.

Nehmen wir doch mal den Fall: Die Gewerkschaft kommt an und will zehn Prozent. Und jetzt würden wir sagen: In Ordnung, meine Herren, Ihr kriegt fünf Prozent und wir verlieren kein Wort mehr darüber.

Was glauben Sie, was da los wäre? Stellen Sie sich das doch einmal vor! Unsere eigenen Leute würden sagen: Na, ihr seid uns aber schöne Kameraden – sofort klein beigeben, wenn die IG Metall anrückt. Wofür haben wir so einen Verein überhaupt?

Und die bei der Gewerkschaft gerieten doch völlig außer Rand und Band. Die würden doch sofort denken, wenn die schon freiwillig fünf Prozent rausrücken, dann brauchen wir die doch nur noch ein bisschen mehr zu piesacken und schon kriegen wir mehr, da brauchen wir nur ein bisschen mehr auf die Tube zu drücken – und schon kriegen wir auch mehr heraus.

Sie sehen schon, wie kompliziert das ist. Wenn wir sagen fünf Prozent, dann meinen die doch, wir meinten siebeneinhalb Prozent, mindestens aber sieben. Dann sind die doch alle schon am Rechnen.

Oder stellen Sie sich mal vor, die Gewerkschaft wär’ jetzt vernünftig. Ich weiß, das ist ein Wunschtraum, aber wir tun mal so. Also, die Gewerkschaft wär’ vernünftig und würde sagen: Also gut, fünf Prozent sind in Ordnung, bevor wir da wieder so’n Riesentrara veranstalten für das bisschen Mehr, was dabei rauskommt.

Ja, meine Damen und Herren, da würden sich doch die Metaller fragen, wozu brauchen wir den Laden, wenn am Ende nur das dabei rauskommt, was die Arbeitgeber freiwillig rausrücken. Die würden dem Steinkühler und dem Zwickel doch die Hölle heiß machen. Da kommen doch dann die Krakeeler und blasen das Feuer so richtig an. (…)

Also, weil die dann so einen Zunder kriegen, kann auch der Zwickel nicht einfach sagen: Okay Kinder, in diesem Jahr brummt die Konjunktur, aber wir wollen auch nicht übertreiben und die Kuh schlachten, die wir melken wollen: Sagen wir also vier Prozent und damit wir noch was zum Verhandeln haben, tun wir noch ein halbes Prozent drauf.

Dann denkt doch die Gewerkschaft, wir dächten, die meinten in Wirklichkeit zweieinhalb Prozent. Und die Gewerkschaftsmitglieder denken, der Zwickel und der Riester, die kuschen vor uns.

Und unsere eigenen Mitglieder denken, Wenn die schon kuschen, der Zwickel und der Riester, dann werden die ihre Gründe haben. Dann können wir die ruhig auch noch ein bisschen mehr ärgern und ihnen diesmal all das heimzahlen, was sie uns in früheren Tarifrunden angetan haben.

Da könnten wir gar nicht sagen: Vier Prozent – könnt ihr haben, selbstredend. Sparen wir uns das ganze Kriegsgeschrei. Wenn wir die Forderung der IG Metall einfach so akzeptieren würden, dann würden unsere Mitglieder doch gar nicht mehr einsehen, wieso die IG Metall so gefährlich ist und die Wirtschaft ruiniert. Wir also gebraucht werden, um die Unternehmen vor der IG Metall zu schützen. Deswegen müssen wir ja auch die IG Metall immer so gefährlich wie möglich darstellen. (…)

Sie sehen, meine Damen und Herren, die Dinge sind nicht so einfach, wie man sie sich immer vorstellt, besonders der Laie. Aber eigentlich kann es ja auch so bleiben wie es ist. Dann weiß jeder, wo er dran ist: Die IG Metall sagt „Zehn Prozent“, wir sagen „Vier Prozent“ und alle Beteiligten wissen, wir meinen beide „Sechs Prozent“. So gibt es keine Missverständnisse in der Tarifpolitik.

 

© Jens Kort 1993