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Leseproben - Geschichte / Politik

Tarifpolitik im vereinten Deutschland - Das Experteninterview

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Über die aktuelle Lage in der Tarifrunde sprach unser Reporter Egils Sadvinskis mit dem Hauptgeschäftsführer der Vereinigten Bayerischen Unternehmerverbände, Dr. Peter Egglesius:

Herr Dr. Egglesius, die Bundesbank attestiert der Industrie eine solide Finanzlage. Einige Konzerne zahlen ihren Aktionären bis zu 24 Prozent Dividende, aber für die Mitarbeiter soll nicht einmal ein Inflationsausgleich drin sein…

Dr. Egglesius: Eben!

Wie bitte?

Dr. Egglesius: Ich sagte: Eben! Wir können doch nicht mehr verteilen als wir erwirtschaften. Wenn die Unternehmen den Aktionären schon 24 Prozent Dividende zahlen müssen, gibt es eben entsprechend weniger Spielraum für Lohnerhöhungen. Wie unsere volkswirtschaftliche Abteilung mir aber bestätigt, ist es völlig unsinnig von einer Dividendenexplosion zu sprechen. Erstens sind die Dividenden nur um zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Zweitens machen ja 24 Prozent für sagen wir mal 10 000 Aktionäre in der Summe sehr viel weniger aus als fünf Prozent für 200 000 Beschäftigte. Fünf mal 200 000 ist eben eine Million, 24 mal 10 000 dagegen nur 240 000. Die Löhne haben also eindeutig die Nase vorn. Von einem Nachholbedarf kann keine Rede sein.

Sie sagten vor kurzem, der Osten säße als unsichtbarer Dritter mit am Verhandlungstisch.

Dr. Egglesius: Ich meine damit, wir müssen alle zu Opfern bereit sein. Ein einziges Prozent weniger Lohnzuwachs zum Beispiel bringt meiner Branche eine Ersparnis von 2,8 Milliarden Mark. Dieses Geld würde die Industrie dann im Osten investieren. Daher der Name Investivlohn.

Wie bitte?

Dafür bekämen wir ja pro Mark noch einmal etwa 50 Pfennig an Investitionszulage vom Steuerzahler, also weitere 1,4 Milliarden. Das wären zusammen 4,2 Milliarden, mit denen wir neue Arbeitsplätze schaffen würden.

Ja, wie wäre denn der Arbeitnehmer an dieser Vermögensbildung beteiligt?

Dr. Egglesius: Gleich mehrfach. Einmal durch seinen Lohnverzicht. Und dann als Steuerzahler, der die Investitionszulagen und Abschreibungshilfen finanziert. Die Arbeitnehmer haben auf diese Weise die Möglichkeit, an der Kapitalbildung in unseren Unternehmen mitzuwirken. Es kommt sozusagen zu einer gewaltigen „Vermögensbildung aus Arbeitnehmerhand“, ein Stück gelebter Sozialpartnerschaft.

Sie haben ja mehrfach Opferbereitschaft von den Arbeitnehmern im Westen verlangt, um Investitionen und Sozialleistungen in den neuen Bundesländern finanzieren zu können. Sind die Arbeitnehmer nicht schon über Gebühr belastet worden?

Dr. Egglesius: Wir dürfen die Opferbereitschaft der Bevölkerung nicht unterschätzen. Die Solidarität hat doch eine lange Tradition in Kreisen des sogenannten „Kleinen Mannes“. Oft genug haben wir erleben können, wie gerade diese Menschen mit dem wenigen, das sie haben, anderen Menschen zu helfen. Und das ist ja auch ganz natürlich so. Um es in einem anschaulichen Bild zu sagen: Die Menschen, bei denen ohnehin Schmalhans Küchenmeister ist, können doch viel eher den Gürtel ein wenig enger schnallen, als andere, die sowieso schon kaum noch wissen, wie sie den Gürtel überhaupt zu bekommen sollen.

Herr Dr. Egglesius, Sie haben angekündigt, Ihr Verband werde mit massiven Aussperrungen auf einen möglichen Streik der Gewerkschaften reagieren. Wie verträgt sich das mit der Sozialpartnerschaft?

Dr. Egglesius: Ja, wie in jeder Partnerschaft ist auch zwischen den Sozialpartnern manchmal ein reinigendes Gewitter erforderlich. Man soll das nicht dramatisieren, wie das die Gewerkschaft tut. Natürlich tun wir das nicht gerne, unsere Sozialpartner aussperren. Aber schließlich geschieht es zu ihrem eigenen Wohl. Es nutzt unseren Mitarbeitern doch gar nichts, wenn sie immer mehr Maß und Ziel aus den Augen verlieren und wir dann die Sozialpartnerschaft beenden müssen und den Arbeitsplatz wegrationalisieren. Deswegen ist unsere Aussperrung geradezu ein Beitrag zum Erhalt der Sozialpartnerschaft.

Eine letzte Frage, Thema „Karenztage“. Einsparungen bei der Lohnfortzahlung sollen den Arbeitgeberbeitrag zur Pflegeversicherung kompensieren. Also eine Finanzierung einseitig zu Lasten der Arbeitnehmer?

Dr. Egglesius: Das ist doch nur konsequent! Wenn die Lohnfortzahlung entfällt, wird sich manch einer überlegen, ob er es sich noch leisten kann, krank zu sein. Er wird also die Zähne zusammenbeißen und zur Arbeit kommen. Wer aber so leichtsinnig ist und krank zur Arbeit kommt, hat natürlich ein viel höheres Risiko, später einmal zum Pflegefall zu werden. Da liegt es doch im Interesse der Arbeitnehmer, für diesen Fall eine gewisse Vorsorge zu treffen.

Herr Dr. Egglesius, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

  

©Jens Kort 1993