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Leseproben - Lebenshilfe

Ein tröstender Gedanke

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Töpfers Tünn war tot umgefallen. Einfach so. Auf offener Straße. Auf dem Weg von der Kirche zu Schindels Jupp gleich gegenüber, wo er – wie stets am Sonntag – die Zeit zwischen Hochamt und Sauerbraten am Stammtisch überbrücken wollte.

Tünn – wieso ausgerechnet Tünn? Wer hätte das gedacht? Nichts hatte eine solche Entwicklung angekündigt, sie auch nur im Entferntesten erahnen lassen.

Maßvoll und vernünftig hatte Tünn gelebt. Nichts übertrieben. Gut, hin und wieder ein Schnäpschen im Kreis von Freunden, beim Skat, ein – zwei Bierchen beim Frühschoppen nach der Kirche, aber doch nichts, was auf lebensverkürzenden Exzess hindeutete. Keine Zigaretten, rein gar nichts.

Im Gegenteil. Ohne ihm übel zu wollen, konnte man sagen, dass er sich bei der Arbeit nicht gerade zu Tode geschuftet hatte. Solide, zuverlässig, immer einsatzbereit, aber doch ohne Stress. So ließ sich seine Tätigkeit in der Buchhaltung der örtlichen Textilmanufaktur beschreiben. Rechtzeitig war er in Pension gegangen.

Dann regelmäßiger Urlaub im Schwarzwald, lange Wanderungen. Bewegung auch daheim,

Spaziergänge und Fahrradtouren durch die niederrheinische Heimat. Und jetzt dieses! Einfach tot umzufallen. Nach dem Kirchgang. Ohne Anzeichen einer Erkrankung.

Über Erkrankungen hatte man ohnehin von ihm nie etwas gehört. Auch nicht von Marianne, seiner Frau. Und trotzdem: einfach tot umgefallen. Mit 70 Jahren. Ahnte er gar nicht, was er anderen damit antat? Welche Zurücksetzung diejenigen empfinden mussten, die seit Jahren schlimmste Krankheiten öffentlich durchlitten und weiterlebten, weiterleben mussten – auch jetzt nach seinem frühen Tod? Strahlens Mia war erschüttert.

Wie wenig dramatisch musste plötzlich ihr Herzinfarkt erscheinen, auch wenn sie ihn stets ausschmückte durch die ausführliche Schilderung der Umstände ihrer Bypass – Operation, die Professor Dillinger, Hartmut Dillinger – eine Kapazität auf dem Gebiet der Herzchirurgie (wer sonst wäre für einen derart schwierigen Fall in Frage gekommen?) – persönlich vorgenommen hatte. Fünf Stunden lang für einen einzigen Bypass – wie sie sich zu erinnern glaubte. Mit einem Mal wurden ein Krankheitsbild, das in dieser spektakulären Ausprägung noch nie in der medizinischen Fachliteratur beschrieben worden war und eine schicksalhafte Höchstleistung der Kardiochirurgie zu Bagatellen, - Nebensächlichkeiten gegenüber dem Tod aus heiterem Himmel.

An ihre regelmäßigen Bandscheibenvorfälle mochte sie gar nicht denken. Qualvolle Schmerzen, ihr Zucker - Peanuts! Auch die aufwendige Reanimation, die nach ihrem jüngsten Schlaganfall erforderlich wurde: Was war das schon? Stunden hatten die Ärzte gekämpft, sie ins Leben zurückzuholen, während ohne Zweifel bereits die ersten Anzeichen der Leichenstarre eingesetzt hatten. Aber sie hatten sie ins Leben zurückgeholt – und Tünn war tot.

Als die Ärzte ihrer besten Freundin eine künstliche Hüfte zugestanden, ließ sie sich davon nur kurz irritieren. Aber sie registrierte aufmerksam den heimtückischen Versuch, ihr den Rang auf der örtlichen Morbiditätsskala streitig zu machen. Ein untauglicher Versuch allerdings, denn sie begann, darauf hinzuweisen, dass beim Verschleißzustand ihrer Knochen eigentlich weit mehr als nur ein einziges Gelenk zu ersetzen wäre, Eingriffe, die aber - der fortgeschrittenen Osteoporose wegen – hatten unterbleiben müssen. Jedenfalls hatten ihr dies die Ärzte gesagt, genauer genommen, sagen wollen, es aber vermutlich aus Feingefühl und mit Rücksicht auf die mit dieser Eröffnung verbundenen seelischen Erschütterungen nicht direkt mitgeteilt.

Tünns Tod aber setzte andere Maßstäbe. Ein solcher Angriff war nur schwer zu kontern. Immerhin – mit dem Hinweis auf ihren äußerst fragilen Allgemeinzustand, der keinerlei Belastungen vertrug, sagte sie ihre Teilnahme an der Beisetzung des früheren Nachbarn ab, was berechtigte Fragen bei der Trauergemeinde aufwerfen würde. „Mein Gott“, würde man sagen, „nicht einmal zur Beerdigung kann sie kommen, die Ärmste! Wie schlecht muss es ihr gehen?“

Ja, schlimm war sie dran, bestätigte sie sich innerlich und bemerkte die ins Auge steigende Feuchtigkeit. Tünn war tot, und der Tote benötigte keine Zuwendung mehr. Sie dagegen... Sie ließ sich von bittersüßem Mitgefühl davontragen.

Später fand sie Trost in dem Gedanken, dass der Tod selbst ja genau genommen gar keine Krankheit ist, Tünns jähes Missgeschick nach dem Kirchgang mit ihrem Lebensleid gar nicht zu vergleichen wäre.

 

© Juri Königstein 2004