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Leseproben - Brauchtumspflege

Das Erbe des Senators

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Auszug Leseprobe:

Die Handlung

Im ersten Teil der Geschichte wurde berichtet, wie der Elferrats-Vorsitzende und Senatspräsident der Großen Karnevalsgesellschaft von Grönroda, Franz Möller, bei einem nächtlichen Unfall ums Leben kommt. Um sich von den tragischen Ereignissen zu erholen, unternimmt seine Frau Doro eine ausgedehnte Reise nach Namibia. Auf einer Urlaubsfarm lernt sie einen jungen Schwarzen namens Karlheinz kennen, den sie kurzentschlossen in die kleine Stadt am Rande des Bergischen Landes mitbringt. Bei ihrer Rückkehr nach Grönroda nimmt das ganze Dorf lebhaften Anteil an Doros neuem Glück, das aber bald durch perfide Verfügungen im Testament des Senators getrübt wird… Selbstverständlich sind Handlung und Personen frei erfunden, Ähnlichkeiten mit wirklichen Begebenheiten und lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Der Autor

Tedje Wind wurde 1952 in Husum als einziger Sohn des Krabbenfischers Harm-Krischan Wind und seiner Frau Meta geboren. Nach dem Besuch der Hauke-Haien-Hauptschule durchlief er eine Ausbildung zum Krabbenfischer, um dereinst den väterlichen Kutter zu übernehmen. Schon in frühester Jugend begann er, die ihn umgebende Landschaft und die von ihr geprägten Menschen unter Einbeziehung folkloristischer Elemente in kleinen Geschichten zu beschreiben. Diese Gewohnheit behielt er auch nach seiner Umsiedlung ins tiefe Binnenland bei. Als führender Vertreter des Absurden Realismus (oder realen Absurdismus) konzentriert er seine einfühlsamen Erinnerungs- und Rückschauerzählungen stets darauf, sozialtypische Konflikte der handelnden Personen zu entwickeln und Handlungsmuster und gesellschaftliche Befangenheit seiner Personen deutlich zu machen.

Sedulo curavi humanas actiones non ridere,
non lucere, neque detestari, sed intelligere.
Spinoza

I.

Um Abstand vom grausigen Geschehen und den Aufregungen der vergangenen Tage zu gewinnen, beschloss Doro, eine Reise zu unternehmen. Nach Namibia sollte es gehen, einem lohnenswerten Ziel, wie Freunde, die dort seit vielen Jahren ihre Urlaube verbrachten, begeistert erzählt hatten.

Härry hatte seine Mutter zum Frankfurter Flughafen gebracht. Von dort aus ging es via Johannesburg nach Windhuk, wo sie auf eine Reisegruppe treffen sollte. Nach einer Rundfahrt durch das Land stand ein einwöchiger Aufenthalt auf einer Farm – selbstverständlich mit deutscher Bewirtschaftung – auf dem Programm, und pünktlich nach drei Wochen sollte Härry seine Mutter wieder vom Frankfurter Flughafen abholen. Dort fand Doro ihren Sohn bei ihrer Ankunft einigermaßen überrascht, eigentlich eher ungläubig dreinstierend vor.

Härry hatte schon einige Zeit wartend vor dem Gate verbracht, und die Verspätung des Fluges aus Johannesburg hatte seine Geduld doch deutlich auf die Probe gestellt. Umso erfreuter war er, als er seine Mutter endlich durch den Ausgang schreiten sah, gefolgt von einem jungen Farbigen, der ihre Koffer schob.

„Hallo Härry“, begrüßte sie ihn freudig, „hier dat is dä Karlheinz, den hab’ isch mitjebracht! Dä hat auf dä Farm jearbeitet, wo isch war. Desweijen sprichst dä auch deutsch.“

Härry war platt. „Ich glaub’, ich bin im falschen Film“, dachte er sich. Seine Mutter hatte sich einen Neger aus Afrika mitgebracht. Und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen gab, er dem jungen Mann artig die Hand, während er ansonsten vollkommen regungslos dastand: „Ich bin dä Härry, hallo!“ stammelte er perplex. „Die Mama hat Dir sicher schon von mir erzählt.“

„Klar“, antwortete Karlheinz strahlend, „ich weiß Bescheid!“

...